
22.07.2026
Warum deine Website sich für andere anders liest als für dich
Eigene Website-Texte wirken oft schlüssiger, als sie es für andere tatsächlich sind. Genau das macht ihre Schwachstellen so schwer erkennbar.
22.07.2026

Warum deine Website sich für andere anders liest als für dich
Vor einiger Zeit hat mich eine Bekannte gebeten, mir ihre Website anzusehen.
Sie ist Coachin und wir haben uns gemeinsam angeschaut, an wen sich ihr Angebot genau richtet.
Frauen, die im Alltag viel tragen, nur noch funktionieren, sich dabei selbst aus dem Blick verlieren und sich oft erschöpft fühlen.
Also Frauen, die sich in einer sehr konkreten und anstrengenden Lebenssituation befinden.
Mit dieser Perspektive im Kopf habe ich mir dann ihre Texte angesehen. Und ziemlich schnell ist mir etwas aufgefallen.
Auf ihrer Website standen Sätze wie:
„Vision einer Menschheit, die sich in Mitgefühl und ohne Bewertung begegnet.“
„Bedingungslose Wertschätzung“.
„Persönliches Wachstum“.
Und ich dachte mir:
Das ist schön.
Aber wenn ich mir vorstelle, ich wäre gerade selbst in dieser Situation – erschöpft, überfordert, vielleicht innerlich festgefahren – dann würde ich diesen Text lesen und denken:
„Ja… aber ich komme gerade kaum durch meinen Alltag.“
Die Worte sind nicht falsch. Sie sind enorm groß. Ihre Leserinnen beschäftigen oft ganz andere Fragen.
Wie komme ich durch die Woche?
Wie finde ich wieder etwas mehr Raum für mich?
Wie schaffe ich es, nicht permanent nur zu funktionieren?
Und genau hier passiert etwas, das viele übersehen.
Wenn wir über unsere eigene Arbeit schreiben, tun wir das oft von einem ganz bestimmten Punkt aus: Unserem eigenen.
Wir kennen die Tiefe unserer Arbeit. Wir kennen die Entwicklungsschritte. Wir kennen das, was am Ende möglich ist. Und genau das fließt in unsere Sprache ein.
Unsere Leser stehen jedoch häufig an einem ganz anderen Punkt.
Sie stehen nicht am Ende dieser Entwicklung.
Sie stehen am Anfang. Oder irgendwo mittendrin.
Hier entsteht Distanz.
Zwischen dem Punkt, an dem wir stehen, und dem Punkt, an dem unser Leser steht.
Und ganz ehrlich: Das passiert schneller und einfacher, als wir denken.
Für uns wirkt ein aus unserer Perspektive geschriebener Text stimmig. Für den Leser kann er sich dagegen im Moment unerreichbar und verfehlt anfühlen.
Zu groß. Zu abstrakt. Einfach nicht greifbar. Und in der aktuellen Situation irrelevant. Vielleicht sogar überfordernd.
Fast so, als würde man jemandem, der gerade kaum Luft bekommt, von der Teilnahme an einem Marathon erzählen – während er eigentlich erst einmal wieder zu Atem kommen müsste.
Die Falle der Selbstverständlichkeit
Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung sogar noch etwas tiefer.
Denn die Coachin wusste genau, was sie mit diesen Worten meinte.
„Mitgefühl.“
„Persönliches Wachstum.“
„Bedingungslose Wertschätzung.“
Für sie waren das keine leeren Begriffe.
Hinter jedem dieser Worte standen Erfahrungen, Beobachtungen und unzählige Gespräche.
Je länger wir uns mit einem Thema beschäftigen, desto mehr Dinge werden für uns selbstverständlich.
Jede Branche hat ihre eigenen „Zauberwörter“.
Ein Fotograf sagt:
„Bildsprache“
Ein Innenarchitekt sagt:
„Raumwirkung.“
Ein Copywriter sagt:
„Positionierung.“
Ein Coach sagt:
„Wachstum.“
Ein Therapeut sagt:
„Regulation.“
Und alle nicken wissend.
Jemand außerhalb der Branche denkt dagegen:
Ja. Aber was bedeutet das denn ganz konkret für mich?
Der Leser hat den direkten Bezug oft nicht.
Er versteht das Wort, aber nicht, wie es sich in seinem Alltag zeigt.
Was verändert sich dadurch genau?
Wie verändert es sich?
Was bedeutet das nächsten Dienstag um 14 Uhr, wenn ich wieder unter Druck gerate?
Hier wird ein Begriff plötzlich persönlich. Theorie trifft auf Lebensrealität.
Es ist der Moment, in dem ein Mensch beginnt, ein Wort auf sich selbst zu beziehen.
Und genau dann entstehen die Fragen, die ein Begriff allein nicht beantworten kann.
Vielleicht lesen sich unsere Texte genau deshalb manchmal anders, als wir glauben.
Wir ergänzen beim Lesen gedanklich, was für uns längst selbstverständlich geworden ist.
Dadurch sehen wir hinter unseren Worten oft eine Bedeutung, die für andere gar nicht sichtbar ist.
Dort setzt The Clarity Shift an.


